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Bereits zum zweiten Mal durfte ich das Trio "Koch-Schütz-Studer" live erleben. Das letzte mal am Jazz-Festival Schaffhausen mit dem Schweizer Schriftsteller Christian Uetz. Dieses mal im Gare du Nord in Basel mit dem Schauspieler und Tänzer Markus Wolff. Zusammen bilden die vier Antenne
Karger. Text & Ton
Die Besetzung des Projekts war folgendermassen:
Hans Koch (Reeds, Elektronik)
Martin Schütz (Cello, Elektronik)
Fredi Studer (Schlagzeug)
Markus Wolff (Text, Kassetten, Tanz)
Antenne Karger. Text & Ton ist ein Projekt welches über die Grenze von bildender Kunst, Theater und Musik hinausgreift und diese ähnlich verschiedenen Ausdrucksformen kompromisslos verschmelzen lässt. Zum Glück war die Serie von fünf Konzerten im Gare du Nord erst das Vorspiel. Das Projekt ist im Mai in Zürich und danach noch an den Münchner Festspielen im Juli zu sehen.
Die Namen "Koch-Schütz-Studer" sollte man sich aber sowieso merken, ihre Performancen (besonders diejenigen mit "Textmenschen") sind der Wahnsinn (wörtlich zu nehmen).
Ich werde deshalb versuchen euch einen faden Abklatsch des erlebten Irrsinns wiederzugeben, auf dass ihr merktet, was ihr verpasst habet...
Die Bühne steht in einem ovalen Raum, von den Zuschauerhörersitzen aus hängt zur rechten Hand eine grosse Bahnhofs-Uhr an der Wand. Es ist gestuhlt wie in einem Theater, treppenartig sich erhöhend bzw. erniedrigend. Platz wäre für ca. 100 Personen, 33 sind anwesend (blacksheep.ch inkl.), keine schlechte Zahl für Konzerte solcher Art.
Markus Wolff, in weisses Jackett, T-Shirt und Hosen gekleidet, sitzt und liest wie ein Radiosprecher (Tochter sucht ihren Vater, Bruder seine Schwester,...). Bespricht Kassetten damit und spielt sie ab. Ordnend, sich auf den Auftritt vorbereitend. Koch und Schütz sitzen an ihren Laptops und sind fleissig am klicken und scrollen.
Merkwürdige Geräusche beginnen den Saal zu füllen,
wandern von links nach rechts, wieder zurück. Zirpen, Piepen, Rauschen und Knacken vermischt sich mit der nüchternen, lauter werdenden Stimme Wolffs. Auf einmal dringt aus dem Nichts ein beschleunigtes Echo der eben gelesenen Meldungen an meine Ohren. Es wird lauter und leiser, die Worte verschmelzen mit einem Rhythmus der plötzlich vorhanden ist (oder scheint es nur so?). Studer greift zu seinen Drumsticks und beginnt den eben entstandenen Groove auszuschmücken, zu konkretisieren.
Der Beat steigert sich immer weiter, Schütz schnappt sich sein 5-Saitiges, elektronisches Cello und verwendet es wie einen Kontrabass. Kurz darauf steigt auch Koch mit der Bassklarinette ein, wirft da ein tiefes Dröhnen ein, klappert dort mit den Tonklappen, seufzt hier und da wunderschön schmachtend mit.
Wolff steht auf, tritt vor das Mikrophon, beginnt seufzend zu schreien/singen. Die Geräuschkulisse steigert sich ins unermessliche. Plötzlich beginnt es Wolff zu schütteln, die Musik lässt ihn als Marionette scheinbar unkontrolliert zucken und zappeln. Dazu ein gequälter, flehender Gesichtsausdruck.
Plötzlich wird es ganz ruhig, man hört noch immer seltsame Geräusche aus den Laptops von Koch und Schütz. Letzterer lässt die 5 Saiten seines Cellos aber nunmehr in den klagendsten, düster-traurigsten Klängen schwingen. Die Stimmung ist bodenlos traurig.
Auf einmal erklingen klar und deutlich aus des Wolffes Mund Worte. Er wiederholt eine Zeitungsmeldung, die zu Beginn der Darbietung von ihm auf Tonband gesprochen wurde. Es geht um eine an einem Fischergalgen erhängt aufgefundene Person; ungepflegtes Äusseres, lange, braungewellte Haare, Schuhe Marke Airport. Im neuen Kontext der Musik gewinnt die eigentlich alltägliche Meldung ein ganz anderes Gewicht. Sie erscheint bedrohlich, Entsetzen auslösend.
Fazit:
Antenne Karger. Text & Ton schaffen es auf einmalige Art und Weise die normale, alltägliche Wahrnehmung zu sprengen und in Frage zu stellen. Was beeinflusst uns mehr, der Inhalt einer Information oder das Umfeld, der Kontext der jeweiligen Information? Wie kommt es, dass eine einfache, kurze Zeitungsmeldung uns in solche Tiefen unserer Psyche versetzten kann, nur weil sie in ein musikalisches Spannungsfeld eingebettet ist? Wieso ist einmal der Inhalt eines gehörten Textes essentiell, dann wieder dessen Klang, der Inhalt nebensächlich? Was ist wahr? Ist es was wir hören, oder was wir hören wollen und können?
Wie dem auch immer sei, wer sich für die Entwicklung der Musik interessiert, darf diese Formation auf keinen Fall verpassen. Wann und wo man dazu (zum verpassen) Gelegenheit hat erfährt man auf der Website von "Koch-Schütz-Studer".
Mehr Infos:
http://www.koch-schuetz-studer.ch
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