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Special: Goa Teil 4 (claudia)
Aufbruch nach Arabol

Am Morgen unseres Aufbruchs nach Arambol wachten wir im quadratischen Zimmerchen - mit den vergitterten Fenstern ohne Aussicht - in Panjim, der Hauptstadt Goas, auf. Von keinerlei Kleintieren geärgert und durch den an der Decke hängenden Ventilator unverschwitzt, lief ich hinunter auf das WC für die Allgemeinheit, mitten durch ein Zimmer, das von einer Person oder gar mehreren bewohnt schien. Die Laken des Bettes an der Wand waren verwühlt, passend zu der düsteren Aufwachstimmung, die in diesem Durchgangsraum herrschte.

Carmen und mich zog es nach draussen in den pulsierenden Alltag der goanischen Bevölkerung, hinein in das Geklapper und Gehupe der rostigen Fahrzeuge, das durch die Ritzen der Fensterläden erklang.

Wir wollten uns nach dem bestmöglichen Weg in den höheren Norden von Goa erkundigen und brauchten dafür deutschsprachige Hilfe, also nahmen wir - während unserer gähnenden Erholungsphase von diesem tiefen Schlaf - unsere gelbe Bibel hervor. Nach dem Durchblättern dieses intelligenten, mit Vorurteilen geschmückten Reiseführers wussten wir, dass unsere Rückfahrt von Goa nach Bombay (jetzt Mumbai genannt) zur Heimreise besser heute als morgen zu reservieren war, es könnte ja keine Plätze mehr haben, so schnell sind Züge und Busse ausgebucht.

Die Inder sind nämlich ein einig Volk von Zug- und Busfahrern. Auch nach 3 Stunden auf engstem Raume, Glied an Glied, bei holpriger Fahrt und dies auch noch stehend, sind keinerlei Anzeichen einer Veränderung der Gesichtsmimik zu erkennen. Sie ertragen das ohne mit der Wimper zu zucken.

Europäer hätten ihre liebe Mühe, raushängende Zunge, böse blitzende Augen an jeden Sitzenden, der es wagt, mitleidig zu gucken, Schweissperlen auf der Nasenspitze, wenn möglich sogar verminderte Zurechnungsfähigkeit wären absehbare Folgen. Aber die Inder, die sind hart im Nehmen, da könnten wir uns ein Stückchen von abschneiden.

Also gingen wir los, auf die Suche nach dem Ort der vielen Möglichkeiten, um unserem weiteren Weg auf die Schliche zu kommen. Dank Reiseführer fanden wir die Fährte zum Bahnhof, fragten jedoch aus Sicherheitsgründen zwei entgegenkommende Inder nochmals danach, um ganz sicher zu gehen. Auch diese Jungs wären am liebsten an unseren Rockzipfeln kleben geblieben, versuchten uns in ein Gespräch zu verwickeln, glücklicherweise gibt es Carmen. Die kann durchgreifen, wenn es sein muss, kann ein Gespräch beenden, wenn sie's eilig hat, während ich wohl heute noch dort stehen würde, weil ich es nicht übers Herz brachte, den beiden eine Abfuhr zu erteilen.

Nun konnten wir nicht mehr fehl gehen und fanden den Bahnhof ohne weitere Umwege oder sonstige Probleme. Auf der Suche nach dem Schalter für Zugbuchungen verlor die Reibungslosigkeit der Geschehnisse an Kraft. Es begann bereits in der riesigen, von Menschen bevölkerten Bahnhofshalle.

Wir reihten uns in eine Schlange vor einem Schalterhäuschen - in dem ein unfreundlichdrein- blickender, dicklicher, schnauztragender Inder sass - ein, um uns dann nach einigen Minuten Wartezeit von genau diesem Mann anschnauzen zu lassen, dass hier nur Büsse reserviert werden können. Der Nächste bitte!

Also entschieden sich Carmen und ich ein weiteres Mal, jemanden zu fragen, wenn es der Beamte schon so eilig hatte, statt uns über den richtigen Schalter aufzuklären. Dies erledigte sich rasch von selbst, denn ein indischer Geschäftsmann in Freizeitkleidern hatte den Entschluss gefasst, uns anzusprechen. Nach der Beantwortung der ortsüblichen, an Touristen gerichteten Fragen, zeigte er uns, wo im zweiten Stock die Tickets zu reservieren waren. Mit einem leisen Hauch einer Andeutung von längerer Wartezeit verabschiedete er sich von uns. In Indien wird viel erzählt und so nahmen wir seine Bemerkung zur Kenntnis, schenkten ihr jedoch keine weitere Beachtung.

Bis wir uns in einem engen Raum mit vier Schaltern und noch mehr unfreundlich dreinblickenden Indern hinter den dicken Plexiglasscheiben befanden. Die Menschen, die sich ebenfalls ein Ticket ergattern wollten, sassen auf Plastiksitzen, die an den Wänden befestigt waren. Bevor wir uns hinsetzen konnten, mussten wir uns ganz rechts in eine belebte Schlange einreihen. Dort durften wir unser Nümmerchen in Empfang nehmen. Ja genau, ein Nümmerchen, wie es die Post in den grossen Poststellen der Schweiz eingeführt hat, damit alles seine Ordnung hat und jeder weiss, wann er drankommt. Alles halb so schlimm hätte Panjim ein wenig bei der Schweizerischen Post abgeguckt und ebenfalls eine solche Nummern rausspuckende Maschine vor den Eingang gestellt. Wohl zu teuer..

Es ist einfacher einen zusätzlichen Schalter dafür einzurichten, einen Angestellten mehr zu bezahlen und eine Menschenschlange mehr anzuzetteln. Ein Gutes hat es: Arbeitsbeschaffung.

Nach einer Viertelstunde hatten wir unser Nümmerchen: 97. Ich schaute auf die elektronische Tafel mit der aktuellen Nummer: 71. Etwas benommen schnappten wir uns einen dieser fliegenden Sitze. Die vor uns stehende, nun schweren Herzens eingesehene Wartezeit lag schwer auf dem Magen und auch nach fünf Minuten hiess die aktuelle Nummer noch 71. Also entschlossen wir uns, den Bahnhof ein wenig zu erforschen. An einem Kiosk blieben wir stehen und auch hier wurden wir sofort in ein Gespräch verwickelt. Zwei indische, etwas schludrigere Jungs wollten wissen, wie es mit Heiraten und Kinderkriegen stand. Die Schweiz schienen sie vom Hörensagen zu kennen, dessen Traditionen aber in nicht einer Weise.

Etwas schockiert nahmen sie zur Kenntnis, dass Schweizerinnen - wenn überhaupt - später heiraten, später Kinderkriegen und trotzdem ein reges Liebesleben pflegen.

Passfotos von uns hätten sie gerne zur Erinnerung behalten - hätten wir doch bloss daran gedacht! - für Schweizer Münz hatten sie keine Verwendung. Die Sache mit den Passfotos hätten wir wissen müssen, denn in unserem schlauen Buch steht geschrieben, dass Inder diese Art von Souvenir sehr schätzen. Egal...

Nach anderthalb Stunden war der Spuk vorbei und endlich konnten wir unser Anliegen dem Angestellten hinter der dicken Scheibe vortragen. Auch der liess sich nicht auf das Niveau eines Lächelns hinab und so kamen wir 900 Mal schneller zum Zugfahrtticket inklusive Schlafmöglichkeit als wir insgesamt gewartet hatten.

Nun sollte alles schnell gehen, wir hielten kurz Ausschau nach einem Bus nach Margao in den Norden Goas, um schnellen Schrittes ins Hotel zurückzukehren, unsere sieben Sachen zu packen und wieder in etwas ruhigere Gefilde einzukehren.

Zwei Stunden später sassen wir im Bus nach Margao und entdeckten auf einer Goa-Karte in unserem Reisebuch Arambol. Da würden wir hingehen, in den hohen, hohen Norden Goas. Aber erst nächsten Monat. Gute Reise.

Mehr Informationen:
Teil 1
Teil2
Teil3