Ja, das Gurten Open Air in Bern. Jedes Jahr wiederholen sich die grössten Open Airs oder dann wachsen sie urplötzlich wie neuentdeckte Pflanzenarten aus dem gut bewässerten Schweizer Boden. Hat nicht mal jemand gesagt, nichts geht über Abwechslung? Wer hat das gesagt? Nun, keine Ahnung, jedenfalls dachte ich, das sei so die Grundeinstellung unserer heutigen Generation. Glücklicherweise wechseln die Line Ups, sonst würde es ja wirklich etwas langweilig werden.
Aber trotzdem. Die Ärzte? Fans von ihnen haben sie eh schon so viele Male gesehen, dass sie jedes Lied auswendig können. Und diejenigen, die keine Fans sind, können die Lieder wegen VIVA und MTV mitsingen. Nena? Nun, gibt es überhaupt Fans von ihr? Keine Ahnung, denn ich war da schon länger nicht mehr dabei. Das bedeutet, dass ich dazu nichts wirklich sinnvolles beisteuern kann.
Aber zu den ersten beiden Tagen kann ich etwas erzählen, dem Donnerstag und dem Freitag. Die beiden wohl anständigsten Tage betreffend Musi- kalität, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Eine Zeitung schrieb, grosse Namen seien nicht dabei gewesen, aber was ist schon gross? Rolling Stones? Backstreet Boys? Ska P? Jedem das seine würde ich doch hier gleich mal anfügen. Oder noch exakter, jeder Sparte das seine. Ich hab nämlich auf dem Gurten so einige gesehen, die trugen Ska P T-Shirts, jawoll, und das werden ja hoffentlich so richtige Fans gewesen sein.
Auch wenn sie mitreissenden Ska hinlegten, werde ich nicht schlau aus diesen Spaniern namens Ska P. Die Show war wohl lustig, besser gesagt die Hauptdarsteller. Der dicke Schwabbelige im Hintergrund (ich hoffe doch, hier niemanden unnötig anzugreifen, schliesslich ist er selber schuld über seine Bezeichnung, will er sich doch absichtlich so darstellen oder war es etwa doch so schrecklich heiss?) (Bin ich also doch fies?) blies in sein Instrument und schwenkte seinen (Bier?)Bauch von links nach rechts, damit oftmals gar nichts anderes übrig blieb als den Blick auf ihn zu richten.
Aber auch einer der Sänger arbeitete daran, nicht übersehen zu werden. So stellte er sich in USA-Flaggen-Montur auf Stelzen vor die Menge und rief ein- oder zweimal "Fuck you Bush!". Erschien er in normaler "Bühnen-Kampfmontur" (wortwörtlich!), rappte er sein Spanisch in Militärhosen. Für mich ging da etwas einfach nicht auf. Vielleicht seh ich das zu eng, aber du kannst doch nicht gegen Krieg sein und Militärhosen tragen....?
Da erinnerte ich mich gleich an meine Sommerferien, die ich leider nicht am Meer (sniff), sondern in Berlin verbrachte. Wir machten uns dort an ein Festival namens "Fusion" auf, wo unter anderem Fettes Brot und die Absoluten Beginner für eine Null-Euro-Gage auftraten. Dies für einen guten Zweck, also Hut ab.
Dieses Festival fand auf einem abgelegenen Flughafen statt, mit vielen Hangars, wo sich das Partyleben drinnen und draussen abspielte. Beinahe jegliche Stilgeschmäcker wurden hier gestillt (sogar Kino- und Theatergeschmäcker!). Natürlich ging es auf dem Goa-Floor am härtesten (drogengesichtermässig-gesehen) und längsten zu und her. Und dort ist mir am Morgen früh doch auch folgendes Szenario aufgefallen: Die Hälfte aller Anwesenden trugen Militärklamotten. Ob Jacken, Stirnbänder oder Hosen, scheissegal, Hauptsache Militärstyle.
Neugierig fragte ich einen der anwesenden Deutschen - kurz nach meiner höchst interessanten, klamottenmässigen Entdeckung: "Kannst du mir mal sagen, wieso hier alle Militärklamotten tragen?" Hier seine kongeniale, metaphysische Antwort: "Hab ich doch gar nicht gesagt!" - Haha. Auch er kann das wohl nicht ohne Drogen ertragen...
Nun, so weit ich dies also mitbekommen habe, weiss niemand so richtig, was Militärklamotten so anziehend machen. Den Ska P-Frontmann hatte ich das leider auch nicht fragen können. Zu weit weg. Mir bleibt und blieb also nichts anderes übrig als zu spekulieren. Wie der ganze momentane Ablauf in jeglichen Ecken der Welt ist nämlich auch das äusserst paradox! "Paradoxität" beherrscht also die Welt. Und das Gurten hat dazu ebenfalls beigetragen wie auch dieses komische Fusion Festival in Deutschland. Oder hatte jemand von euch schon einmal Lust, in den eh schon raren Toitoitoi-letten auf den Boden zu scheissen und darauf rumzujumpen? Nun, in Deutschland scheint das so eine Art Dampfablasser zu sein. Auf Scheisse rumzutrampeln scheint also ein Allerweltshobby zu sein. (P.S. Ich entschuldige mich für den zweimaligen Gebrauch des Wortes scheint!)
Zurück in die Schweiz, zurück nach Bern, zurück auf den Gurten. Was macht es aus, so ein Open Air? Die Musik? Das Zusammensein mit Freunden? Das Sehen und Gesehen werden? Ich kenne die Lösung nicht, aber mein Gefühl sagt mir, es ist so ziemlich alles obgenannte bunt durchgemischt. Und das ist ja auch das Schöne daran. Ich meine, wer von euch allen Gurten-Besuchern hat Züri West noch nicht gesehen, ausser denen, die sie nicht sehen wollten oder mit Pech nicht sehen konnten?
Ein weiterer Punkt ist natürlich auch das Entdecken neuer (für andere doch schon "alten") Bands. Da springt mir spontan Placebo in die Gedankengänge. Auch wenn ich sie kannte und bereits schon einmal gesehen habe, fesselten sie mich erneut (ist das bei Züri West auch möglich? Fans meldet euch!). Dieser Sänger hat Charisma, dass die Funken nur so sprühen. Mit Charisma meine ich auch seine Stimme, so selten anders und wiedererkennungsmächtig.
jedenfalls schafften er und seine Jungs das, was nur wenige Bands schafften, beispielsweise Seeed: Die Menge bis ganz nach hinten zu diesem doofen roten Zelt, wo nur "Blödian-House" lief, zu versammeln und auf die Bühne starren zu lassen. Die Musik melancholisch und fesselnd, zum Träumen und Albträumen. Da waren gar gestandene Skalariak-Fans fasziniert und das soll was heissen.
Die englischen Kosheen, die letzte Band, die ich am diesjährigen Gurten erleben durfte, haben mich so gefesselt, dass ich dem Schlagzeuger am liebsten die ganze Nacht bis jetzt zugeschaut und zugehört hätte. Der Sängerin Stimme ist nicht von schlechten Eltern, die Musik auch nicht, aber was der Schlagzeuger geboten hat, ist nicht von dieser Welt. Nur er hätte spielen müssen, der Rest hätte mich nicht interessiert. Das hat auch gar nichts mit seinem Äusseren zu tun, obwohl auch das anbetungswürdig gewesen wäre. Der Mann, äh, der Ausserirdische hat Schlagzeug gespielt wie nein, dafür gibt's echt keine Bezeichnung, das glaubt ihr nur, wenn ihr's selber gesehen habt.
Es muss etwas vom Schwersten für einen Schlagzeuger sein, Drum'n'Bass live zu spielen. Da zählt das Taktgefühl 100prozentig, ein Schlag daneben und sogar das Publikum hätte es bemerkt. Und dieses merkt nun wirklich nicht viel, wenn es um musikalische Fehler geht, wenn ich mich da doch gleich auf mich selbst beziehen darf.
-Weiter. Dieser Mann hat es also als einziger Musiker am diesjährigen Gurten geschafft, mich total in seinen Bann zu ziehen. Ich war und bin noch immer (wie man vielleicht merkt) hin und weg. Ich wünsche mir auf meinen nächsten Geburtstag eine Privatvorstellung von ihm. Nun denn, Wünsche sind ja dazu da, nicht in Erfüllung zu gehen.
Bevor ich hier hängen bleibe, möchte ich doch noch kurz betonen, wieso es mich auf den Gurten gezogen hat, obwohl ich vor drei Jahren nicht wirklich gute Erfahrungen dort oben gemacht habe und "Muse" ja bekanntlich am St. Gallen Open Air aufgetreten sind. Der ausschlaggebende Grund war "Mando Diao". Die Schweden haben mit ihrem Retro-Rock nicht nur ihr eigenes Land erobert, sondern auch andere europäische "Mitfreunde". Dazu gehört auch die Schweiz. Wie es jedoch scheint, möchten die Jungs als echte Rockstars hingenommen werden. Solche, die sich nicht verabschieden, solche, denen es scheissegal ist, was die Fans von ihnen denken. Es wird mit 89prozentiger Wahrscheinlichkeit letzteres sein. Sie haben mich enttäuscht und offensichtlich war ich nicht die Einzige die so dachte.
Plötzlich waren Mando Diao weg, ohne ein "Auf Wiedersehen ihr Schwitzer Schweizer" oder ein Vorwarnen: "Das ist unser letzter Song", keine Zugabe, sie sind einfach abgehauen, nach nicht mal 60 Minuten. Und ich hab mich so gefreut.
Nun, denn... Auch wenn der Text länger und länger wird, war das Gurten doch so spannend, dass hier noch immer nicht Schluss ist denn die deutsche Band "Die Happy", nicht wirklich meine Geschmacks- richtung, hat mir etwas beigebracht, von dem ich keine Ahnung hatte.
Folgendes: Wir Schweizer sind das einzige Volk, das mit seinen Händen geradeaus wedelt und dazu ein immer lauter werdendes
"ooooooooooooooooooooooooooooooooo
murmelt, welches dann wie beispielsweise bei Fussballmatches beim Corner stattfindet, in ein „ooooaaaaaaaaaaaaaah!“ wandelt und die Arme dabei in die Höhe geworfen werden.
Die "Die Happy"-Sängerin liebt dieses "No-Name-Spiel" (ich habe keine Ahnung, wie man das nennen könnte) so sehr, dass sie es mindestens fünfmal hintereinander für sich und ihre Band durchführen und durchfühlen liess. Ich dachte, dass sei eine internationale Gestik, aber so ist es also nicht, die Schweizer die Schweizer lalalalaaaa.
"oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo oooaaaaaaaaaaaaaaaah!" was für ein Schluss!
Mehr Informationen:
gurtenfestival.ch