Flickenteppich oder Perser? (clemens)Mida im Bird's Eye Im Januar dieses Jahres fanden in der ganzen Schweiz die Diagonales 03 statt, eine Eventreihe mit dem Ziel, dem interessierten Jazzhörer Formationen näher zu bringen, die sich um eine Erweiterung des Bekannten und Gehörten bemühen. Auch das Bird's Eye in Basel war Gaststätte der experimentierfreudigen und vorwärts gerichteten Musiker. Leider scheint das Interesse an derartigen Veranstaltungen nicht sonderlich hoch, fanden doch nur ein knappes Dutzend von Neugierigen den Weg in den renommierten Jazzclub. Zu hören gab es dort am 16. Januar die Gruppe Mida, eine vierköpfige Formation um den Sopransaxophonisten Adrian Pflugshaupt. Wie sich schon bei Konzertbeginn zeigt - Mida sind unkonventionell, sie beginnen ihren Auftritt quasi aus dem Nichts, keine klar erkennbaren Strukturen sind da, um sich zurecht zu finden. Doch bald treffen sich die Musiker bei einem simplen 4/4 Beat, der ruhig dahinplätschert, um den virtuosen und unglaublich leichten Einwürfen des Saxophons eine würdige Kulisse zu geben. Dann musikalischer Aufruhr auf der Bühne, die Stimmung des Stücks wird ungestümer und treibender, und plötzlich: Funk. Mida gehen ab, der Körper bewegt sich unwillkürlich zum Rhythmus, zum ersten mal zeigen die Musiker, dass sie ihre Instrumente im Schlaf beherrschen. Es folgt ein ruhiger Teil, der gefüllt wird mit vertrackten Rhythmen und Rhythmusverschiebungen, die der Bauch des Hörers zu verstehen scheint, doch der Kopf muss passen. Quasi ohne Unterbruch springen Mida von Stil zu Stil, von einer Stimmung in die andere, der Übergang zwischen den einzelnen Stücken ist kaum wahrnehmbar. Mida beweist Mut zum und Freude am Experiment, trotzdem wirken die Stücke durchkomponiert und einstudiert. Wo Jazz ist, gibt es Soli. Es sind schon viele Regeln für das spielen eines Solos aufgestellt worden - Mida schafft seine eigenen. Es müssen ja nicht immer Töne sein, den mit einem Instrument lässt sich mehr anfangen, als Skalen zu spielen. Eindrücklich zu hören, was beispielsweise mit einer E - Gitarre alles anzufangen ist. Doch auch die konventionellen Soli sind von bestechender Qualität. Musiker lassen sich vielleicht gut mit Teppichen vergleichen. Da gibt es edle, mühselig von Hand gewobene Teppiche, es gibt von Maschinen hergestellte Teppiche, Teppiche unterschiedlichster Qualität - Mida vereint nun die Vorzüge zweier Teppichsorten. Auf der einen Seite der Flickenteppich: Abwechslungsreich, farbenfroh, witzig, von allem etwas dabei. Auf der anderen Seite der edle Perserteppich: gemeint ist die Herstellung, nicht das Aussehen. Die Musik von Mida ist vollkommen offen gegenüber Einflüssen von Stilrichtungen, die sich mit dem klassischen Jazz nicht ohne weiteres verbinden lassen. Das sich das Ganze dennoch gut anhört, liegt daran, wie Mida arbeitet: Das durchwegs hohe technische und vor allem musikalische Können wird nicht darauf verwendet, vielfach Gehörtes erneut zu spielen, nein, es wird dafür eingesetzt, Fragmente aus zum Teil völlig entgegengesetzten Gebieten zu etwas Neuem zusammen zu fügen. Die Musik von Mida ist ein Flickenteppich, der mit der Sorgfalt und dem Können hergestellt wurde, die man sonst nur dem edlen Perser angedeihen lässt. Denn was ist interessanter anzuschauen: Der Perser - oder der Flickenteppich? Mehr Informationen: pflugshaupt.com
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