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Voyeurismus im Archiv


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Voyeurismus im Archiv (Dieter)
Der Schnüffler

In Archiven "noschen", ist eine Beschäftigung, die sich jeder sterbliche mindestens einmal im Jahr antun sollte. - Archiv, das klingt staubig und etwas muffig und was soll ich da? Wird nun der geneigte Leser denken.

Entdecker spielen, entgegnet da der Verfasser dieses Berichtes. Es gibt wohl keinen Ort auf dieser Welt der so geheimnisvoll ist, in dem so viel Kreativität und Wissen herumliegt. Fünf Minuten an diesem, meist ungastlichen Ort und man wird zum Sherlock Holmes, zum Vasco da Gama oder zum Herr der (R)Dinge. Vielleicht begegnet man dieser Datenflut erst noch etwas zögerlich, nimmt hier und da scheu ein Objekt aus den Regalen um es, als wär man bei einer Missetat erwischt worden, schnell wieder zurückzustellen. -Huh, man sieht seine eigenen Fingerabdrücke auf dem staubbedeckten Datenträger, fühlt sich, als hätte man einen heiligen Ort entweiht. Oder vielleicht wie wenn man einen Nagel mitten in eine frisch renovierte und gestrichene Wand schlägt. Kalt schaudernd wird man sich bewusst, dass man hier irreversible Spuren hinterlässt. Das andere nachvollziehen könnten, dass ich hier einen Heino-Schinken in den Händen hielt und noch schlimmer, dass ich mich dafür interessiert haben könnte. Darum hält man sich zuerst nur an die bekannten und allerseits gebilligten Grössen, man hat ja einen Ruf zu verlieren.

Mit zunehmender Zahl Fingerabdrücke gewinnt aber die Neugierde langsam Oberhand, denn nun sind für das Ego genug Spuren gelegt, die einem allfällig anderen Archiv-Schnüffler den eigenen Kenner vermitteln. Mut beflügelt die Hände und die Griffe werden kühner. Und genau ab jetzt wird die Sache, da ehrlich, erst spannend. Denn jetzt kehrt sich die Situation um und Schicht um Schicht gelangt der Eindringling tiefer in den unergründlichen Fundus des Archives...

... Einem Archeologen gleich, werden da plötzlich Fundstücke freigelegt, die im Licht des Entdeckens ganz neu glänzen. Auch so im blacksheep-Musik-Archiv. Da fand sich zum Beispiel die CD vom "Ernscht vo Chur". -Kennst Du nicht?- Ich bis jetzt auch nicht. Aber dieser "Ernscht" gibt zum Beispiel jetzt schon fast zwanzig Konzerte in diesem Jahr. - Da müsste man schon bei bekannteren Bands nachschlagen, um auf eine ähnliche Anzahl Konzerte zu kommen! CD in den Player und siehe da; fetzig rappt's aus den Lautsprechern "jede Monat legg i druff". Ja, dem kann ich mich eigentlich nur anschliessen... Heisser Sound und sehr radiogen.

Die 80-Jahre leben auf, durchmischt mit heutigen Stilelementen. Die weiteren drei Songs auf diesem Silberling sind dann allerdings nicht mehr mein Ding, vielleicht eher etwas für den Skilift oder die Schneebar, also schnell weiter stöbern. Georges Galey mit "Abverheit". 2001 entstanden, ist diese CD schon fast ein Archiv für sich, umfasst sie doch das Schaffen des Künstlers von 1995 bis eben 2001.

Ein musikalischer Mix aus Hafenbar, Jazzkeller, intellektuellem Liederabend und Klassikkonzert. Also das ist wirklich ein ungewöhnliches Ding und ein näheres Hinhören absolut wert!

Aber weiter: "Echo" von Christina Lauterburg, Corin Curschellas, Walter Lietha und Doppelbock. Potzdonner!-Das ist schon fast ein Schwergewicht. Volksmusik der besonderen Art, frisch aufgebrüht und mit etwas Zucker, ein wärmender Tee für kalte Tage! Aber weiter: Das Duo "Immerblau" mit "bläuling". Nach so viel verschneiten Landschaften bringt mich dieser Silberling in urbane Gefilde. Im 2002 auf Band gebannt, bringen der Rockmusiker Felix Egli und der Wortakrobat Christian Zingg hier einen "Müsterli" ihres 12 jährigen Schaffens auf den Bühnen dieses Landes, wo sie abendfüllende Programme zelebrieren; witzig und spritzig: 21 Tracks, die gut aufbereitet das Medium CD nutzen, um eine Prise Bühnenluft zu konservieren.

-Uh; da kommt wer! -Schnell alles zurückstellen und die vorsorglich mitgenommene Baschi-CD unter den Arm klemmen. Es braucht ja schliesslich einen Grund, warum ich im Archiv bin.

Eine etwas peinlich berührte Begegnung auf der Kellertreppe "..Ah, Du hesch de Baschi gsuecht..." und "..jo,jo,hm,hm.." und schnell weg. Wenn ich mich allerdings zurückdrehe -und das mach ich immer- dann seh ich noch ein paar Jeans im Archivraum verschwinden, aus denen in der hinteren Gesässtasche eine Polo Hofer CD herauslugt. -Ja, Ja. "Archiven" macht süchtig! -nicht nur mich.


Mehr Informationen:
http://www.immerblau.ch
http://www.evc.ch
http://www.doppel-bock.ch