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Serie: Goa Teil 2
Die ersten Stunden in Goa

Als wir von Bombay nach Goa rüberhüpften, war es frühmorgens, die Sonne lugte über den Horizont und wir waren unheilbar ermüdet. Die Stunden des Fluges von Frankfurt nach Bombay, das Warten in diesem edlen Hotelschuppen beim englischen Biochemiker - den wir im ersten Flugzeug aufge- lesen hatten - hinterliessen ihre Spuren. Den Biochemiker, der nicht gerade überschwänglich erzählte, bei unserem Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel in die Schule gegangen zu sein, würden wir nie mehr sehen.

Dafür konnten wir es kaum erwarten, die Schönheiten des einzigen, nicht von England eroberten indischen Staates Goa zu entdecken. Portugiesisch ist dessen Vergangenheit, an mancher Bauweise ist dieser Umstand unverkennbar gekennzeichnet. Vielleicht macht es das so attraktiv als Touristenziel. Der öde schnöde englische Kolonialstil gefällt doch keinem wirklich. Vor allem Israelis und wie könnte es auch anders sein, Engländer, bevölkern in den Zeiten zwischen September und Februar das geschichts- und traditionsreiche Fleckchen.

In Dabolin, dem einzigen internationalen Flughafen in Goa, rieben wir zuerst unsere Augen. Ein kleiner, etwas vergammelter, wohl mal weissgestrichener Flughafen präsentierte sich vor uns und liess die angeblich herrschenden Bedrohungen, die in den Zeitungen standen und uns auch von einer dürren Deutschen mit wirrem Haar unter die Nase gerieben wurden, noch bedrohlicher wirken. Einer Festung glich dieser verlassen wirkende Flughafenkomplex nun wirklich nicht. Wir folgten dem Strom der Leute zur Gepäckverteilmaschine, die einsam auf weiter Flur in diesem steinernen Innern stand. Schnell waren unsere Sachen eingesammelt und wir jagten hinaus aus den beklemmenden Räumlichkeiten in die Morgensonne Goas.

Hinein in die Menge herumjaulender Inder, hupender TucTucs und nervös auf und ab laufender Buschauffeure. Dazwischen ein paar weisse Freaks und sonstige Köpfe, die nirgends einzuordnen waren. Carmen und ich hatten noch gar nicht darüber nachgedacht, wohin unsere Reise nun führen würde.

Der Flug war unsere einzige Planung gewesen. Etwas irritiert rauchten wir zuerst eine Zigarette, um unsere Gedanken zu ordnen und aus unserem gelben, schlauen Indien-Buch einen Plan zu definieren. Schlussendlich entschlossen wir uns, ein TucTuc zu genehmigen und ein vom Fahrer vorgeschlagenes Hotel mit Meerblick zu beziehen. Diese Fahrt von 5 Minuten haben wir so teuer bezahlt wie eine solche für die genau gleiche Strecke in der Schweiz. Die bleichen Unerfahrenen werden ja gerne ausgenommen...

Das Zimmer, das wir bekamen, hatte tatsächlich Meerblick und war mit einem westlichen, sauberen WC ausgestattet. Hier legte ich die Flugtickets unters Kissen, damit sie uns nicht geklaut wurden während wir uns am Strand aufhielten. In meiner Dummheit habe ich sie dann vergessen mitzunehmen als wir ein paar Stunden später wieder auszogen.

Eine unvergleichliche Odyssee nahm daher einige Tage später ihren Lauf. Doch dazu kommen wir ein anderes Mal, wenn es dann so weit ist.

Nach einem erholsamen Nickerchen bei offenem Fenster
und rauschendem Meere, erwachte ich freudenstrahlend. Carmen hatte sich da bereits etwas im touristenlosen Dörfchen umgesehen, einen angebundenen Hausaffen entdeckt und keinen Internetanschluss gefunden. Mit ihren grellpinken Haaren und ihrer bleichen Haut sicherlich keine leichte Aufgabe in einem Dorf, wohin sich die Touristen nur selten verirren. Und wenn, dann sahen wir nur indische Touristen. Hier wäre es eigentlich nicht so teuer gewesen. Meine Betonung liegt auf eigentlich. Mit bleicher Haut hast du hier keine Ermässigung zu erwarten. Nur übertriebene Verteuerung und einengende, klettenhafte, in Sari gehüllte, hübsche Inderinnen. Was ich in den nächsten zwei Wochen über die indische Bevölkerung gelernt habe, ist von unschätzbarem Wert. Zum Beispiel sie voneinander zu unterscheiden.

Das war schon ein wenig schwer, aber wenn sie dich, wenn du länger am gleichen Ort verweilst, jeden Morgen mit "Do you remember?" ansprechen, dann sollte man sich dies gefälligst schnell aneignen. Ansonsten geben sie keine Ruhe, dir jeden Tag das Gleiche anzubieten. Obwohl... Eigentlich hat man selten eine Chance, ihnen zu entkommen. Die kennen nichts anderes, damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Viele junge Mädchen kommen aus Rajasthan - ein anderer Staat oberhalb Goas - für einige Monate hierher, um für ihre Familie Geld zu verdienen. Dann gehen sie zurück und nach dem Monsun sind sie wieder hier. Jedes Jahr ein Jahr älter. Trotzdem irgendwie stehen geblieben.

Die Zeit am Strand an unserem ersten goanischen Aufenthaltsort war eine erste Annäherung an das, was uns die nächsten Tage erwarten würde. Damit umzugehen ist anfänglich nicht einfach. Vielen Europäern muss manch indisches Verhalten fremd vorkommen. Ich hoffe, nicht nur mir. Was für uns schnell einmal als Bagatelle abgetan wird, kann dort zur Todsünde hochstilisiert werden, beispielsweise das Fotografieren mit indischen Jungs. Glücklicherweise wurden wir durch einige indische Frauen befreit, da es bereits bei unserem ersten Strandaufenthalt auszuarten drohte.

Kaum waren wir beim Strand angekommen
und hatten das erste Mal seit langem die Geheimnisse des Meeres wieder in uns aufsogen, schlug eine Riesenclique voller männlichen jungen Indern ihren Weg so ein, damit sie uns kreuzen mussten. Einer sprach uns für ein Foto an. Um die Jungs schnell loszuwerden liessen wir uns etwas widerwillig fotografieren. Doch so schnell wie wir meinten, brachten wir die immer gieriger werdende Meute nicht los. Einer nach dem anderen stellte sich entzückt für ein Exklusiv-Foto mit einer Pink- und einer Blondhaarigen in die Mitte. Der zuständige Fotograf wechselte ebenfalls so schnell. Es schien kein Ende zu nehmen, bis sich endlich einige Inderinnen, die sich zwischenzeitlich hinter uns aufgereiht hatten, laut in gebrochenem Englisch zu Wort meldeten.

Carmen und ich stoppten die Foto-Odyssee
und liessen uns von den Frauen erklären, dass die Jungs zu Hause erzählen würden, wir seien ihre Freundinnen und Ehefrauen in spe. Obwohl uns das eigentlich auf deutsch gesagt "am Arsch" vorbei ging, waren wir froh, diese komischen Typen losgeworden zu sein. Dass wir damit die "Marktfraueli"-Truppe anzogen, realisierten wir erst später als wir weder ein noch aus wussten. Gerne wären wir ins Hotel zurückgekehrt, hätten unsere Sachen gepackt und wären weiter gezogen, doch jede wollte uns unbedingt noch ihren "Shop" zeigen.

Es ist keineswegs aus rassistischen Gründen, wenn ich sage, dass diese Anfangszeit grausam war. Einerseits willst du nett sein, andererseits staut sich dieses aggressive Gefühl in deinem Hals an und du möchtest nur noch losbrüllen.

Das liegt daran, dass dir immer bewusster wird, dass sie vor allem wegen des Geldes kommunizieren möchten. Nicht, dass sie sich nicht freuen mit dir zu reden, doch schlussendlich geht es auch hier - wo denn eigentlich nicht? - wieder nur ums Geld. Sie reden mit dir, plötzlich bieten sie ihr Hab und Gut wieder an - "luck luck, nais neckless" "weri tschiip, weri tschiip" (bitte äusserst hoch betonen) - und fragen dich im nächsten Atemzug, ob du nächstes Jahr schwanger wirst.

Nachdem wir uns endlich von den nun mehr als leicht enttäuschten Inderinnen gelöst hatten, einigten Carmen und ich uns, schnellstmöglich von hier zu verschwinden. (Und Pigeldi folgte Frederik ins Hotel...) Wir packten alles, was wir sahen ein und ich verabschiedete mich von der berauschenden Fensteraussicht. Und hier und jetzt von diesem Text.


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Teil 1