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Ein klingender Widerspruch (dieter)
Remo Crivelli
& der Klangturm

Kaum zu glauben, aber es ist tatsächlich erst etwas über drei Wochen her, da wandelte ich an einem lauen Sommerabend, bewaffnet mit Photoausrüstung und Eiscreme, in mehr als 10 Metern Höhe über das bieler Hafenbecken. Nicht, das mir die angenehmen Sommertemperaturen derart viel Auftrieb gegeben hätten, dass ich da gegen Himmel schwöbe, dagegen sprechen ganz klar meine irdischen Pfunde, aber - und hier stelle man sich ein paar Fanfarenstösse vor- die Expo.02- Arteplage Biel ermöglichte mir mit ihrem ellenlangen und mordshohen Steg, dass ich mich bei meinem Gang zum Klangturm dem Himmel oder viel mehr auch der mittlerweile recht schweisstreibenden Sonne, viel näher fühlte als gewöhnlich.

Nach längerem Marsch erfolgte die sanfte Landung zwischen den drei Türmen, welche nicht nur das Wahrzeichen der Bieler Arteplage darstellten, sondern mit Ihrer Höhe und (trotz der Eleganz) grauer Wuchtigkeit auch ein wenig ein Swiss-Miniature-Feeling von Downtown-Manhatten vermittelten.

Nur würde ich in Downtown-Manhatten nebst der Luftqualität auch diese Diskrepanz zwischen der irren Aussicht auf den Bilderbuch-See und diesen Stahlkollossen vermissen.

Weit weniger überzeugend war dann für mich schon die erste Begegnung mit den Produkten des Klangturmes, nämlich den Klanggebildern im Turm. Na ja; auf einer grossen Tafel wurde mir erklärt, dass jetzt gerade sieben Mikrofone die Umgebungsgeräusche und noch mehr tontechnisch aufzeichnen, diese Signale dann hochtechnisch in einem Computer verwurstet werden um sich dann so quasi als 3-D Spirale um und über mir aufzubauen. Was ich mir vorfreudigerweise so als eine Art neue Raumdimension vorstellte, klang dann aber eher nach einer farblosen, pampigen Tonpastete oder besser gesagt nach dem Demo-Programm eines billigst-Effekterätes. Dass das Ganze auch nicht 3D sondern eher diffus zwischen irgendwo und nirgendwo pendelte, lag sicherlich nicht an der teuren Technik und Rauminstallation, sondern einfach daran, das der Klangturm lautstärkenmässig auf dem Niveau von Shoppingcenter-Hintergrundberieselung betrieben wurde und die Klangbilder deshalb keine Chance gegen die Umgebungsgeräusche hatten. Dieser traurige Umstand liess sich für mich nur so erklären, dass wir Schweizer offenbar weniger Mühe haben, wenn man uns Downtown-Manhatten vor die Seeaussicht stellt, als wenn man uns mit ungewöhnlichen Klängen konfrontiert. Schade, denn so reduzierte sich das Projekt Klangturm auf Turm. Auch schön, aber eben.

Mit derlei Kritik im Kopf wartete ich gespannt auf den Hauptgrund, weshalb ich überhaupt hier sass; nämlich das Konzert von Remo Crivelli im Klangturm. Mit dieser Konzertreihe, in dessen Rahmen der Auftritt von Crivelli stattfinden sollte, wurde nun das Klangturm-Projekt um den Faktor Mensch ergänzt. Denn nebst allen Computern und Umgebungsgeräuschen, sollte nun auch Livemusik eines Künstlers in Klangbilder eingebaut werden, die nicht mehr der Computer selber, sondern ein Regisseur aus Fleisch und Blut formen würde. -Klang nach einer spannenden Sache.

Und obwohl ich wusste, dass die Klangwelten, die der auf solche Events spezialisierte Crivelli seinem Instrument entlocken vermochte optimal hierher passen müssten, war ich kritisch.

Selbstsicher schob Remo Crivelli die zwei übergrossen Holzwürfel zusammen, welche die Bühne bildeten und installierte darauf sein Hackbrett. Nachher verschwand er in der über den Köpfen des sich versammelnden Publikums schwebenden Tonregie, um sich mit dem Tonmeister zu besprechen. Eine längere Pause entstand. Gespannte Gesichter lugten immer wieder auf die Raumschiff ähnliche Tonregie, der Crivelli alsbald über eine Leiter entstieg und gemessenen Schrittes auf die Bühne ging.

Nun wurde es, für Klangturmverhältnisse ruhig. Selbst Passanten, die nur am Klangturm vorbei wollten, blieben stehen und blickten neugierig über das zahlreich sitzende Publikum auf Crivellli. Dieser fütterte unterdessen schon mal unverstärkt den Computer, damit der Regisseur erste Klangdaten des Künstlers erhielt. Und siehe da; erste zarte Hackbrettwirbel schweben, dank der erhöhten Lautstärke durch den Raum, bildeten mit den "Livedaten" des nun verstärkt spielenden Crivellis erste Harmonien und Gebilde um dann, miteinander einen Reigen tanzend durch den Turm gegen Himmel zu entfliehen. - Stark! -

Was in den nächsten 20 Minuten abging, hatte nichts mehr mit Warenhaushintergrundmusik zu tun. Auch wenn es nicht immer gelang, dreidimensionale Klangbilder stabil zu erzeugen, tauchte da doch plötzlich eine Klangwelt auf, die selbst verwöhnte Dolby-Digital-Freaks in Erstaunen versetzte.

Tanzende, stehende, schwebende und hämmernde musikalische Dialoge vom Streitgespräch bis zur Liebeserklärung zwischen Computer, Umgebung und Instrument verblüfften und fesselten zugleich.

Und plötzlich erklärte sich die Idee vom Klangturm von selbst: Synthetik aus analoger Quelle erzeugt und wieder mit analogen Quellen wie Umgebungsgeräuschen und Liveinstrument konfrontiert, ergaben ein akkustisches Hörerlebnis, das mit seiner Homogenität unbeschreiblich transparent und dennoch extrem präsent wirkte und daher mit einer absolut scheinenden Natürlichkeit überzeugte. Dieser Effekt zeigte sich vor allem im zweiten 20 Minütigen Part, nachdem Crivelli sich wiederum mit dem Tonregisseur besprochen hatte und die ganze Sache ihren Feinschliff bekam.

Kurz: Das Ganze war als Klanggebilde und Hörerlebnis irgendwie naturidentisch, aber nicht der Natur abgekupfert, sondern synthetisch weiterentwickelt und deshalb in seiner ganzen natürlichen Ausstrahlung wieder perfekt unnatürlich, also so eine Art klingender Widerspruch!

Die expo 02 und somit auch der Klangturm sind nun bald Geschichte. Nicht aber Remo Crivelli mit seinem Hackbrett. Ich bin überzeugt, dass wir noch viel von diesem Klangkünstler hören werden, und dies sicherlich von den ausgefallensten Orten unseres Landes. Wenn dies so ist, unbedingt hingehen; es lohnt sich!


Mehr Informationen:
Remo Crivelli